Rezensionen Belletristik
Romane und Kurzprosa, die es wert sind
Elsa Rieger „Ein Mann wie Papa“ , 180 Seiten, AAVAA-Verlag, ISBN 978-3-86254-193-5, € 9,95
Boah, ich bin immer noch ganz baff, dass ich dieses Buch tatsächlich gelesen habe. Der Einstieg hat mich echt Überwindung gekostet. Was habe ich mit dieser ganzen schrägen Szenerie von Rockerkneipen, Säufern, Kiffern und Drogenabhängigen zu tun? Not my cup of tea. Aber Elsa Rieger hat mich gezwungen, das ganze Buch zu lesen. Wie? Mit ihrer jungen, coolen, fetzigen und mitreißenden Sprache hat sie eben auch mich gesetzten Herren mitgerissen. In diesen ganzen Strudel von Wahnsinnigen und Ausgetickten hinein. Zum Glück hat sie das geschafft, sonst wäre ich um eine wichtige Erfahrung und die Kenntnis eines wunderbaren Buches ärmer.
Es geht um Paul. Vordergründig. Marie ist so hingerissen von ihm, wobei ich nie kapiert habe, wieso eigentlich. Was ist dran an ihm? Sie fragt es sich ganz am Ende selber: Wollte sie Paul haben, „weil er schön und erotisch ist, weil ihn alle haben wollen?“ Oder weil er sie „zappeln lässt wie kein zweiter?“ Dabei hatte sie es weiter vorn schon verraten: „Die sogenannten anständigen Kerle, die um mich warben, beachtete ich gar nicht. War mir einer in die Arme gelaufen, der soff und mich vor sich selbst warnte, gab’s kein Halten mehr.“ Alle Männer, denen sie ihr Herzblut schenkte, waren süchtig gewesen. Nach Alkohol, Medikamenten, Koks und nach Sex. Marie hingegen ist nur nach einem süchtig: nach Liebe und Anerkennung. Die panische Suche nach dieser Droge macht ihr Leben zum Drama. Wie ein HB-Männchen düst sie von einer Katastrophe in die nächste, schrammt dabei immer hart am slapstick vorbei.
Das Tempo dieses Romans ist irre schnell, atemlos. Elsa Rieger erwähnt nur das Allernötigste, damit der Leser weiß, was Sache ist. Eine gewöhnliche Feldwaldundwiesenautorin hätte die dreifache Seitenzahl für die gleiche Handlung gebraucht und eine Herumschwadroniererin wie beispielsweise Zeruya Shalev die sechsfache.
Und immer wieder die Liebessucht. Mehrfach meinte ich, einen Erläuterungsband zu Robin Norwoods „Wenn Frauen zu sehr lieben“ zu lesen, beispielsweise als Marie bei einem Verflossenem, einem absoluten Junkie meinte: „Ich war davon überzeugt, meine Liebe könnte ihn retten.“
„Wie bescheuert sind Frauen eigentlich?“ fragt sie ziemlich am Ende, als es um eine verkorkste Beziehung ihrer Chefin geht.
Worum es noch geht? Um die verpasste Abnabelung vom Vater, um das Loslassen ihres Sohnes, das sie auch gerade zu verpassen droht, um ihre drogensüchtige Schwester, die sich trotz allem den goldenen Schuss gibt.
Wie gesagt, ich hätte das alles nie gelesen, wenn Elsa Rieger mich nicht mit ihrer Sprache in ihren Bann gezogen hätte. Dazu gehören auch so locker-flockige Sätze wie „Meine Zunge krempelte sich um den Schluck Wein“, „Magen und Herz übertreffen sich gegenseitig beim Rumoren“ oder „Der Heavy Metal Sound schraubt sich durch meinen Gehörgang.“
Dieses Buch ist heftiger Lesegenuss, aber es ist auch ein entlarvendes Aufklärungsbuch, das, gerade weil es so flott zu lesen ist, manchem Mädchen und mancher jungen Frau eine tolle Hilfe sein könnte. Wäre zu wünschen.
Ach ja, noch was. Das Buch ist beim AAVAA-Verlag Berlin erschienen. Dieser Verlag hat die Besonderheit, seine Bücher in normaler Taschenbuchform herauszubringen, im Miniformat, in Großdruck und als e-book. Alles auf einmal. Mal sehen, ob sich das durchsetzt. TK. ©
Kommentare
Hallo TK,
tolle, wundervolle Rezension über Elsas Büchlein..mir ging es beim Lesen genau so - fesselnd, ich konnte einfach nicht aufhören;-)
Ich bin Bibliothekarin, habe natürlich privat und für meine
Bibliothek diesen kleinen, großen Roman gekauft und hoffe so auch,
dass er gekauft wird, denn gelesen wird er...
Autor, Redakteur, Mediator
